{"id":53,"date":"2018-11-28T22:58:36","date_gmt":"2018-11-28T20:58:36","guid":{"rendered":"https:\/\/kritischesgedenken.wordpress.com\/?page_id=53"},"modified":"2023-12-04T15:03:21","modified_gmt":"2023-12-04T14:03:21","slug":"gedenken-als-kritik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kritischesgedenken.de\/gedenken-als-kritik\/","title":{"rendered":"Gedenken als Kritik"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Zehn Thesen zum Gedenken als Kritik<\/h1>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Wir m\u00fcssen dar\u00fcber nachdenken, wie Shlomo Lewin und Frida Poeschke, die am 19.12.1980 in Erlangen von einem Antisemiten ermordet wurden, heute legitimerweise gedacht werden kann. Am Beginn dieser \u00dcberlegung steht die Unterscheidung von individueller Trauer und \u00f6ffentlichem Gedenken. Als individuelle Trauer verstehen wir die psychische Verarbeitung eines Verlustes, beispielsweise des Todes einer oder mehrerer Personen. Als \u00f6ffentliches Gedenken verstehen wir die \u00fcberindividuelle Auseinandersetzung, beispielsweise, aber nicht ausschlie\u00dflich, mit dem Tod einer oder mehrerer Personen, bei der Ereignissen jeweils gesellschaftliche, politische, historische Bedeutungen zugewiesen werden. Diese Form der Auseinandersetzung und insbesondere diese Zuweisung von Bedeutung verfolgt immer einen Zweck.<\/li>\n\n\n\n<li>Kollektives und \u00f6ffentliches Gedenken unterscheidet sich von der individuellen Trauer dadurch, dass es stets auch \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 Mittel f\u00fcr politische oder gesellschaftliche Zwecke, also solche, die au\u00dferhalb des eigentlichen Ereignisses und seiner individuellen Verarbeitung liegen, ist. Vor diesem Hintergrund m\u00fcssen wir davon ausgehen, dass jedes Gedenken als \u00f6ffentliche Auseinandersetzung mit spezifischer Zielsetzung den eigentlichen Vorfall und damit den Anlass zur individuellen Trauer instrumentalisiert, also zum Mittel macht. Im Gegensatz zur individuellen Trauer ist \u00f6ffentliches Gedenken somit auf Legitimation angewiesen und damit kritisierbar.<\/li>\n\n\n\n<li>Als entscheidender Faktor f\u00fcr die Bewertung einer bestimmten \u00f6ffentlichen Gedenkpraxis muss dann deren konkret visierter Zweck betrachtet werden. Das hei\u00dft: nicht die Instrumentalisierung an sich, sondern nur ihr Zweck kann Ansatzpunkt der Kritik sein. Daraus ergibt sich, dass es normativ unterscheidbare Formen des Gedenkens geben muss, also legitimes und illegitimes Gedenken. Es schlie\u00dft sich notwendig die Frage danach an, was illegitimes Gedenken ist. Sofern bestehende und verbreitete Formen des Gedenkens sich als illegitim erweisen, ist weiter zu fragen, wieso diese existieren und wie sie vorherrschend werden. Gleichzeitig steht zur Diskussion, woran legitimes Gedenken orientiert und wie es gestaltet werden kann.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Mord ist die letzte Konsequenz der Negation des Individuums. Angelegt ist diese Negation bereits in der Ideologie. Noch vor der M\u00f6glichkeit, \u00fcber die Freiheit des Individuums \u00fcberhaupt zu sprechen, steht dessen unver\u00e4u\u00dferliches Recht darauf, dass sein Leben von niemandem zu nehmen ist \u2013 es geht allem Politischen voraus. Einzig legitimer Zweck \u00f6ffentlichen Gedenkens \u2013 also der Instrumentalisierung \u2013 kann nur sein, zu verhindern, dass \u00e4hnliches noch einmal geschieht. Dazu geh\u00f6rt, den Tod der Personen, denen gedacht wird, als sinnlosen und vermeidbaren Tod \u2013 als Ungeheuerlichkeit \u2013 auszuweisen und die Bedingungen ihres Todes zu benennen. Folglich kann nur Gedenken, das sich diesen Zweck setzt, also die historischen und aktuellen Bedingungen einer solchen Tat kritisiert und sich die Verhinderung einer Wiederholung zur Aufgabe macht, legitimes Gedenken sein. Es ist solidarisch mit den Opfern und kritisch gegen\u00fcber den Verh\u00e4ltnissen, die sie in den Stand des Opferseins versetzt haben.<\/li>\n\n\n\n<li>Als illegitime \u2013 weil unkritische \u2013 Formen des Gedenkens, w\u00e4ren in Konsequenz solche zu bestimmen, deren Zweck die Verleugnung der Bedingungen der Tat oder ihres Fortbestehens, die eigene Entlastung, oder die Verf\u00e4lschung des Geschehenen notwendig bedingt. Verleugnung der Ursachen und ihres Fortbestehens, Verweigerung der Selbstreflexion und Revision der Geschichte tragen durch Verschleierung zur Reproduktion der Bedingungen der Tat bei und erm\u00f6glichen so die Wiederholung des Geschehenen. \u00d6ffentliches Gedenken in diesem Sinne kann der Wiederholung etwas entgegensetzen wollen, ist aber nicht in der Lage dazu. Das hei\u00dft, dass das bewusst formulierte Ziel des Gedenkens zwar sein kann, eine \u00e4hnliche Tat um jeden Preis zu verhindern, dass aber dennoch einerseits die Bedingungen nicht erkannt oder nicht angemessen kritisiert werden k\u00f6nnen, und\/oder dass sich andererseits, unabh\u00e4ngig vom Bewusstsein der Gedenkenden, ein ganz anderer Zweck verwirklicht.<\/li>\n\n\n\n<li>Es schlie\u00dft sich notwendig die Frage an, wieso es illegitimes Gedenken gibt und wieso es sich gesellschaftlich durchsetzen kann. Gedenken ist umk\u00e4mpft, weil Interpretationen umk\u00e4mpft sind. Wie gedacht wird, h\u00e4ngt davon ab, wie eine Tat interpretiert wird, also mit welcher gesellschaftlichen, historischen und politischen Bedeutung sie in Verbindung gebracht wird. Auch der Zweck des Gedenkens, also warum gedacht wird, kann von dieser Interpretation abh\u00e4ngig sein. Allerdings geht der Zweck des Gedenkens (oder gerade des Nicht-Gedenkens) der Interpretation der Tat voraus und und beeinflusst ihre inhaltliche Auspr\u00e4gung. Das k\u00f6nnte bedeuten, dass Ereignisse aus politisch-strategischen Gr\u00fcnden bewusst falsch interpretiert, oder entscheidende Aspekte dethematisiert, zugespitzt oder verleugnet werden. Allerdings scheint es nicht hinreichend, solcherlei bewusst strategischen Umgang mit Gedenken grunds\u00e4tzlich zu unterstellen. Zumal eine umfassende G\u00fcltigkeit dieser Unterstellung angesichts der umseitigen Bekundung guten Willens bei den meisten \u00f6ffentlichen Gedenken und der anteiligen Aufnahme kritischer Elemente in das Gedenken nicht wirklich plausibel erscheint. Um die Praxis des \u00f6ffentlichen Gedenkens in ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit und die M\u00f6glichkeit der Durchsetzung des falschen Gedenkens auch gegen den guten Willen der Einzelnen genauer verstehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen also sozialpsychologische \u00dcberlegungen miteinbezogen werden. Wenn eine Bem\u00fchung um Einsicht in die Bedingungen der Tat, also ihre vernunftgeleitete Interpretation, dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass ein positives individuelles oder kollektives Selbstbild, oder gar ganze Charakterstrukturen, nicht l\u00e4nger aufrecht erhalten werden k\u00f6nnen, diese Aufrechterhaltung allerdings psychisch notwendig ist und deshalb in der Interaktion mit der Au\u00dfenwelt angestrebt wird, dann muss schon die vernunftgeleitete Interpretation selbst abgewehrt werden. Einzusehen, dass es eine antisemitische Gesellschaft ist, die antisemitische Morde erm\u00f6g<br>licht, w\u00fcrde die Kritik des Kollektivs, das wesentlich f\u00fcr die eigene narzisstische Zufuhr sorgt, notwendig machen. Dass sich von dieser Gesellschaft die Einzelnen nicht ausnehmen k\u00f6nnen, w\u00fcrde Selbstreflexion notwendig machen.<\/li>\n\n\n\n<li>Besonders deutlich l\u00e4sst sich was bisher \u00fcber das falsche Gedenken gesagt wurde an Formen des offiziellen, beziehungsweise des nationalen Gedenkens nachvollziehen, da deren Zweck immer die Legitimierung des eigenen Kollektivs und der eigenen Institutionen, also kollektive Selbstvergewisserung sein muss. Die Aufrechterhaltung dieses legitimen Bildes des Kollektivs ist nicht nur den Institutionen und ihren Repr\u00e4sentantInnen, sondern auch die einzelnen Subjekten ein Anliegen. Dieses Anliegen kann sowohl bewusst, als auch unbewusst im zuvor beschriebenen Sinne sein. Institutionelle und individuelle Praxis st\u00fctzen sich gegenseitig. Der verfolgte Zweck, die Erhaltung des positiven kollektiven Selbstbildes, die \u00fcber die sozialpsychologische und die legitimatorische Ebene hinaus auch \u00f6konomische Vorteile hat, kann mit dem legitimen Ziel des \u201eNie wieder!\u201c in Konflikt geraten. Beispielsweise, wenn gerade die Benennung der Bedingungen der Tat oder ihres Fortbestehens \u2013 das Fortleben antisemitischen Potentials in der Gesellschaft und ihren Subjekten \u2013 der kollektiven Selbstvergewisserung entgegenstehen. Besonders in Deutschland bedeutet dies, dass zum offiziellen, beziehungsweise nationalen Gedenken auch die Abgrenzung von der als schmerzhaft empfundenen nazistischen Vergangenheit und so die Performance einer kollektiven L\u00e4uterung geh\u00f6rt. So wird die Interpretation jedes neonazistischen Mordes von dieser Abgrenzung und der kollektiven Selbstvergewisserung bestimmt.<\/li>\n\n\n\n<li>Unter Ber\u00fccksichtigung der Ursachen und Folgen falscher Formen des Gedenkens muss der Inhalt oder der Modus kritischen Gedenkens dann sein: a) das Erkennen der Bedingungen des Vorfalls, sowie der Bedingungen der Interpretation des Vorfalls b) die Kritik dieser Bedingungen und aller Praxis die sie reproduziert c) die politische Arbeit (Bildungsarbeit, Intervention in \u00f6ffentliche Gedenkpraxis, \u00d6ffentlichkeitsarbeit) gegen sie.<\/li>\n\n\n\n<li>Konkret bedeutet dies f\u00fcr unser Anliegen, also f\u00fcr ein kritisches Gedenken an die antisemitische Ermordung von Frida Poeschke und Shlomo Lewin, (1) die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, verstanden als Analyse und Kritik seiner historischen und aktuellen Erscheinungsformen. (2) Weiterhin die Auseinandersetzung mit rechten Strukturen, also den konkreten T\u00e4terInnen und Unterst\u00fctzerInnen. (3) Sowie mit staatlichen Strukturen, deren Verstrickungen in die Tat und ihrer Rolle im Nachgang, sowohl was die Interpretation, als auch was die Aufkl\u00e4rung der Tat betrifft; mit offiziellem Gedenken, das der nationalen Selbstbest\u00e4tigung verpflichtet ist. (4) Es bedeutet auch die Dokumentation und die eigene politische, historische, sowie gesellschaftliche Deutung der Tat und ihrer Bedingungen. Gerade weil die Interpretation solcher Taten umk\u00e4mpft ist, erscheint sie uns als m\u00f6glicher Ansatzpunkt f\u00fcr die politische Praxis. Kritisches Gedenken, wie wir es bis hierhin ausgef\u00fchrt haben, bedeutet jedoch nicht zuletzt (5) die kollektive Selbstverunsicherung. Unter dieser Voraussetzung muss auch unser Versuch, dem formulierten kritischen Anspruch an das Gedenken gerecht zu werden, wiederum kritisch gelesen werden und f\u00fcr Weiterentwicklungen und Widerspruch offen bleiben.<\/li>\n\n\n\n<li>Individuelle Trauer will das verlorene Objekt \u00fcberwinden, die gerissene Wunde schlie\u00dfen. Kollektive Selbstvergewisserung durch falsches Gedenken muss an den Strukturen vorbeisehen, die die Bedingung des Geschehenen sind und h\u00e4lt somit an ihnen fest. Auch sie will das Verlorene \u2013 als Objekt \u2013 \u00fcberwinden, allerdings zu unrecht. Sie verweigert auch die narzisstische Kr\u00e4nkung, die eine Einsicht in die eigene Verstricktheit erm\u00f6glichen und bedeuten w\u00fcrde. Kritisches Gedenken im Sinne der kollektiven Selbstverunsicherung muss gerade an dem Verlorenen festhalten, am Objekt festhalten, nicht nur als Personen sondern insbesondere als Opfer im Stande ihres Opferseins und sich mit ihnen solidarisch zeigen. Es muss sowohl die Strukturen in den Blick nehmen, die das Geschehene erm\u00f6glicht haben, als auch die selbstreflexive Einsicht in die eigene Verstricktheit in die Verh\u00e4ltnisse zu seiner Aufgabe machen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Neuer Blick auf unsere Thesen f\u00fcr Sammelband zum Halle-Prozess 2022<\/h3>\n\n\n\n<p>Zu dem Sammelband\u00a0<a href=\"https:\/\/spectorbooks.com\/book\/der-halle-prozess-hintergruende-und-perspektiven\">\u201cDer Halle-Prozess: Hintergr\u00fcnde und Perspektiven\u201d<\/a>\u00a0haben wir einen Beitrag beigesteuert, in welchem wir die vorangestellten Thesen neu verhandelt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sammelband beleuchtet Aspekte des juristischen Verfahrens gegen den rechtsterroristischen T\u00e4ter des Anschlags in Halle (Saale) am 9. Oktober 2019 und dar\u00fcber hinaus Hintergr\u00fcnde der Tat und Dimensionen der Betroffenheit. Interviews, Essays und wissenschaftliche Beitr\u00e4ge bieten Zug\u00e4nge und er\u00f6ffnen Perspektiven: Welche Ber\u00fccksichtigung m\u00fcssen der Antifeminismus und die Frauenfeindlichkeit des Anschlags finden? Welche Bedeutung hat die Praxis, den Namen des T\u00e4ters nicht zu nennen? Welche Rollen spielen kritisches Erinnerung und Gedenken? Wie finden wir Formen praktischer Solidarit\u00e4t gegen Antisemitismus und Rassismus?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zehn Thesen zum Gedenken als Kritik Neuer Blick auf unsere Thesen f\u00fcr Sammelband zum Halle-Prozess 2022 Zu dem Sammelband\u00a0\u201cDer Halle-Prozess: Hintergr\u00fcnde und Perspektiven\u201d\u00a0haben wir einen Beitrag beigesteuert, in welchem wir die vorangestellten Thesen neu verhandelt haben. Der Sammelband beleuchtet Aspekte des juristischen Verfahrens gegen den rechtsterroristischen T\u00e4ter des Anschlags in Halle (Saale) am 9. Oktober<span class=\"post-excerpt-end\">&hellip;<\/span><\/p>\n<p class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/kritischesgedenken.de\/gedenken-als-kritik\/\" class=\"themebutton\">Read More<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-53","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kritischesgedenken.de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/53","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kritischesgedenken.de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kritischesgedenken.de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kritischesgedenken.de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kritischesgedenken.de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=53"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/kritischesgedenken.de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/53\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":491,"href":"https:\/\/kritischesgedenken.de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/53\/revisions\/491"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kritischesgedenken.de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=53"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}