Rückblick: Gedenkkundgebung am 22. Juli 2021

Erinnern heißt verändern – Rechten Terror stoppen.
Bild: initiative kritisches gedenken erlangen

Pressemitteilung KUNDGEBUNG in Gedenken an die Opfer der Anschläge von Oslo, Utøya und München 

22.07.2021

Über 70 Personen nahmen an der Kundgebung „Erinnern heißt verändern – Rechten Terror stoppen“ am 22.07.2021 am Rathausplatz in Erlangen teil. Auf der Kundgebung wurde den Opfern der rechtsterroristischen Anschlägen von Oslo und Utøya 2011 und München 2016 gedacht.
Vor zehn Jahren wurden in Oslo und auf der norwegischen Insel Utøya 77 Menschen durch einen rechten Attentäter ermordet, darunter viele Kinder und Jugendliche eines Feriencamps. Weitere Personen wurden verletzt. 5 Jahre später tötete eine Mann aus überwiegend rassistischen und antiziganistischen Motiven acht Personen im Olympia-Einkaufszentrum München. Die initiative kritisches gedenken erlangen e. V. und die Erlanger Jusos luden aus diesem Grund zu einer Gedenkkundgebung am 22.07.2021 um 17.30 Uhr am Rathausplatz in Erlangen ein. 
“Unser Gedenken muss sich gegen das Vergessen richten, denn wenn die Opfer rechter Morde in Vergessenheit geraten, dann waren die Täter erfolgreich darin, sie zum Verschwinden zu bringen”, lautete es in der Rede der Initiative. Um dem Vergessen der Opfer etwas entgegen zu setzen, wurden die Namen aller Opfer auf Schildern auf der Kundgebung sichtbar gemacht und laut verlesen.Neben dem Gedenken an die Opfer kritisierten die Veranstalter:innen den Umgang mit den Attentaten. So sei das Attentat in München bis zur offiziellen Anerkennung als rechtsterroristische Tat 2019 entpolitisiert worden. Außerdem fehle bis heute eine intensive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Gründen für Rechtsterrorismus, wie beispielsweise Rassismus.Die initiative kritisches gedenken zeigte in ihrer Rede den Zusammenhang der Taten in Oslo und Utøya, München und weitere rechtsterroristischer Taten der vergangenen Jahre auf:„Was sie eint ist ihr rassistisches, antisemitisches, misogynes und antikommunistisches Weltbild – was sie eint ist der Glaube, sich im Krieg gegen eine wachsende Bedrohung zu befinden – einem Krieg in dem sie durch Mordanschläge zu Helden werden können“.

Aufruf zur Gedenkkundgebung

22. Juli 2021 // 17:30 Uhr // Rathausplatz

Die initiative kritisches gedenken und die Jusos Erlangen organisieren eine Kundgebung im Gedenken an die Opfer der rechtsterroristischen Anschläge von Utøya und Oslo am 22. Juli 2011 und München am 22. Juli 2016.
Mit unserer Kundgebung klagen wir die Verhältnisse an, die solche Anschläge immer wieder ermöglicht haben. Ob in Utøya, Oslo und München oder in Hanau, Halle und Christchurch. Diese Terroristen waren keine „verrückten Einzeltäter“ – sie verstanden sich als Kämpfer gegen den sogenannten großen Austausch, eine antisemitische und rassistische Verschwörungsideologie der extremen Rechten. Sie waren national und international gleichsam vernetzt wie unterstützt und eiferten einander nach. So wählte der rechtsterroristische Attentäter von München gezielt den Jahrestag des Anschlags von Utøya und Oslo.
Im Umgang von Behörden, Medien und Mehrheitsgesellschaft mit Opfern, Betroffenen und Angehörigen zeigt sich fehlende Sensibilität, Nachlässigkeit, Unwillen und Ignoranz. Die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber rassistischen Narrative motiviert nicht nur die Täter, sie reproduziert ebensolche Strukturen in Polizei und Justiz. So dauerte es allein über drei Jahre, bis die Behörden das rassistische Motiv des Anschlags von München am 22. Juli 2016 anerkannten und folgten damit viel zu spät einer Einschätzung, zu der Angehörige der Opfer, antifaschistische Gruppen und Wissenschaftler:innen schon kurze Zeit nach dem Anschlag gekommen waren.
Wir fordern ein Ende der antisemitischen und rassistischen Diskurse, die solche Taten ermöglicht haben und immer wieder ermöglichen. Wir fordern ein konsequentes Vorgehen gegen institutionellen Rassismus und rechte Strukturen in staatlichen Institutionen. Nazis raus aus Polizei, Behörden und den Parlamenten!
Kommt zahlreich und schließt euch dem Gedenken und dem Protest an. Tragt Mund-und-Nasenschutz und haltet den Mindestabstand von 1,5 Metern ein.

ERINNERN HEISST VERÄNDERN.
RECHTEN TERROR STOPPEN.


Aufruf zur Gedenkkundgebung

Gemeinsam mit der gruppe antithese rufen wir für den 19. Februar zur Kundgebung im Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau auf >> Zum Aufruf bei gruppe antithese.


+++ RÜCKBLICK AUF 2020 +++

Kundgebung zum 40. Jahrestag des antisemitischen Attentats auf Shlomo Lewin und Frida Poeschke

Rückblick auf die Kundgebung in unserem Twitter-Thread.

Aufruf

Am 19. Dezember 1980 wurden Shlomo Lewin und Frida Poeschke in ihrem Wohnhaus in Erlangen ermordet. Ein Mitglied der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann tötete sie aus antisemitischen Motiven. 

Shlomo Lewin (1911) entkam der nationalsozialistischen Verfolgung, kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg für die Hagana und lebte nach der Staatsgründung in Israel. Nachdem er 1960 nach Deutschland zurückgekehrt war, war er als Rabbiner und Verleger von Judaica tätig und Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, sowie der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Frida Poeschke (1923), deren Lebensgefährte Shlomo Lewin in dieser Zeit wurde, engagierte sich gemeinsam mit ihm für christlich-jüdische Verständigung. Immer wieder warnte Shlomo Lewin öffentlich vor der Gefahr, die von Neonazis ausgeht und rief dazu auf, sie zu bekämpfen. Doch diese Warnungen wurden wie viele andere nicht gehört oder nicht ernst genommen. Vielmehr wurde die Wehrsportgruppe Hoffmann von der CSU-Regierung über Jahre hinweg verharmlost und geduldet.

Nach dem Mord an Frida Poeschke und Shlomo Lewin verdächtigten die Ermittlungsbehörden vor allem das persönliche Umfeld der Opfer und ermittelten erst spät ernsthaft in Richtung rechter Strukturen, wie der unweit von Erlangen in Ermreuth ansässigen Wehrsportgruppe Hoffmann. In der Medienberichterstattung wurden die Opfer durch haltlose Gerüchte und eine anklingende Täter-Opfer Umkehr diffamiert und fremd gemacht. Im Gegensatz zu den jüdischen Gemeinden, in denen Entsetzen über die Tat herrschte, gab es in der Mehrheitsgesellschaft keinen Aufschrei und keine Solidarisierung mit den Opfern. Juristisch wurde niemand für die Tat belangt. Der Mörder, der bis heute als Einzeltäter gilt, soll Suizid begangen haben und alle Angeklagten im Strafprozess wurden vom Vorwurf der Beihilfe freigesprochen. Weil kein Gedenken etabliert wurde, aber vor allem, weil keine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit rechtem Terror stattfand gerieten das Attentat, die Opfer und der politische Hintergrund mehr und mehr in Vergessenheit.

Wie auch im Fall anderer rechtsterroristischer Morde im Jahr 1980 – das Oktoberfestattentat in München und der rassistische Brandanschlag in Hamburg, bei dem Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân getötet wurden – erinnert bei dem antisemitischen Attentat auf Shlomo Lewin und Frida Poeschke vieles an den rechten Terror der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart. So wie die Anfänge und Ursprünge des rechten Terrors in Deutschland weit vor 1980 liegen, ist auch seine Kontinuität bis heute nicht gebrochen.  

Dieses Jahr, am 19. Dezember 2020, jährt sich das antisemitische Attentat zum 40. Mal. Zu diesem Anlass findet um 17.30 Uhr eine antifaschistische Gedenkkundgebung an der Lewin-Poeschke-Anlage in Erlangen mit anschließender Demonstration statt. Gemeinsam wollen wir Shlomo Lewin, Frida Poeschke und allen Opfern rechter Gewalt gedenken. Wir wollen daran erinnern, dass es sich bei den unzähligen rechten Morden nicht um Einzelfälle handelt, sondern dass sie Teil einer langen Geschichte rechten Terrors und das Resultat einer rassistischen, antisemitischen Normalität sind.

Nur wenn wir der Entpolitisierung rechter Morde entgegentreten und die Zusammenhänge erkennen und benennen, haben wir dem Fortwirken der Vergangenheit in der Gegenwart etwas entgegenzusetzen. 

Gegen das Vergessen und die Kontinuität des rechten Terrors! 

Für die Gesellschaft der Vielen!


Veranstaltung aus der Reihe “Damals! Und heute? Rechte Kontinuitäten in Erlangen” (PDF)


Kontinuität – Vergessen – Gedenken. Rechter Terror in Deutschland seit 1980

Podiumsdiskussion mit Seda Ardal, Ibrahim Arslan, Martina Renner und Max Czollek

Link zur Aufzeichnung: https://youtu.be/5zVdT63GXTA

Über die Veranstaltung
Im Dezember 1980 wurden in Erlangen Shlomo Lewin und Frida Poeschke Opfer eines antisemitischen Mordanschlags. Der Täter Uwe Behrendt war Mitglied der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann, die unweit von Erlangen ihr Hauptquartier hatte. Ein antisemitisches Tatmotiv wurde von den Ermittlungsbehörden lange Zeit nicht in Betracht gezogen. In der Stadtgesellschaft hat die Tat nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhalten und ist über viele Jahre in Vergessenheit geraten. Das Podium wird an diesem Abend anlässlich des 40. Jahrestages der Ermordung von Shlomo Lewin und Frieda Poeschke über die Kontinuitäten rechten Terrors in Deutschland und die lange Geschichte des Vergessens der Tat in Erlangen und anderenorts sprechen. Welche Bedeutung hat das Gedenken an diese Taten? Welcher Zusammenhang kann zwischen rechten Gewalttaten der Vergangenheit und aktuellen Ereignisse, wie beispielsweise in Halle und Hanau gezogen werden? Ibrahim Arslan hat den rassistischen Brandanschlag in Mölln 1992 überlebt bei dem drei Angehörige seiner Familie ums Leben kamen. Seit 2007 kämpft er für die Sichtbarkeit von Betroffenen rechter Gewalt und deren Perspektive in Politik und Öffentlichkeit. Martina Renner, Bundestagsabgeordnete für Die Linke. Sie ist Sprecherin der Bundestagsfraktion für antifaschistische Politik und Expertin auf dem Gebiet rechten Terrors. Max Czollek, Lyriker und Autor. Als Mitherausgeber der Zeitschrift Jalta macht er zeitgenössische jüdische Positionen sichtbar. Außerdem befasst er sich mit der Rolle von Jüdinnen und Juden in der deutschen Erinnerungskultur und streitet für eine plurale Gesellschaft. Seda Ardal ist Autorin und Aktivistin in der “Initiative 19. Februar Hanau”, die für Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen in Bezug auf den rassistischen Terroranschlag in Hanau und gegen die allgegenwärtige rassistische Gefahr kämpfen.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit Bildung Evangelisch in Europa und wird finanziell gefördert vom Bundesprogramm Demokratie leben!

Sie findet im Rahmen der Reihe “Damals! Und heute? Rechte Kontinuitäten in Erlangen” (PDF) statt.


+++ BEITRÄGE, INTERVIEWS UND VIDEOS +++

Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt
Buchvorstellung und Gespräch mit Ronen Steinke
25. Oktober 2020 um 16 Uhr im E-Werk Erlangen

Zur Videoaufzeichnung der Veranstaltung mit Ronen Steinke bei YouTube


Redebeitrag auf der Kundgebung “Gegen jeden Antisemitismus!” am 9. Oktober 2020 in Erlangen (Mitschnitt Radio Bambule / Radio Z)


Gedenken als Kritik – Interview mit Radio Corax im Oktober 2020


#Halleprozess: Wie kann kritisches Gedenken aussehen? Interview mit Radio Corax im Juli 2020


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