Aktuelles

  • Einladung zur Diskussionsrunde “Wie können wir kritisches Gedenken denken?”

    Hier findet ihr den Einladungstext

    Wir, die initiative kritisches gedenken erlangen, befassen uns mit der Aufarbeitung des antisemitischen Attentats auf Shlomo Lewin und Frida Poeschke, das am 19. Dezember 1980 in Erlangen von dem Neonazi Uwe Behrendt verübt wurde. Behrendt, ein rechter Burschenschafter, war Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann und entging der Strafverfolgung durch eine Flucht in den Libanon, wo er aus ungeklärten Umständen zu Tode kam. Wie später auch bei den Taten des NSU ermittelten die staatlichen Behörden zunächst im persönlichen Umfeld der Ermordeten.

    Um an die Ermordung von Shlomo Lewin und Frida Poeschke zu erinnern, organisieren wir jedes Jahr am 19. Dezember eine öffentliche Gedenkveranstaltung in der Erlanger Innenstadt. Da öffentliches Gedenken, wenn es die Opfer nicht selbst noch einmal verhöhnen will, sich gegen die Verhältnisse wenden muss, die sie erst in den Stand des Opferseins versetzt haben, wollen wir dieses Gedenken als Analyse und Kritik jener Verhältnisse formulieren. Dazu gehören in unserem Fall unter anderem die Analyse und Kritik des modernen Antisemitismus in seinen historischen und aktuellen Erscheinungsformen, eine Kritik staatlicher Institutionen und Akteur*innen, ihrer Rolle im Prozess der Strafverfolgung und Aufklärung, sowie in der Organisation des offiziellen Gedenkens, und eine Analyse der Täter*innen und ihrer Strukturen.

    Die verschiedenen Analyseperspektiven wollen wir schließlich in einer Broschüre, einer multimedialen Internetseite und in Ausstellungen vereinen. Diese Formen der Veröffentlichung sollen dazu beitragen, das Attentat und seine Opfer Frida Poeschke und Shlomo Lewin nicht dem Vergessen zu überlassen, auf die Aktualität der Gefahr hinzuweisen und den ganzen Komplex auch überregional bekannt und der historischpolitischen Bildungsarbeit zugänglich zu machen.

    Unsere Perspektiven und Positionen, unsere blinden Stellen und Projektionen, möchten wir dabei explizit reflexiv in den Arbeitsprozess miteinbeziehen. Statt einer kollektiven Selbstvergewisserung, wie sie das offizielle Gedenken, beispielsweise staatlicher Institutionen, zum Ziel hat, streben wir die kollektive Selbstverunsicherung an. Zu diesem Zweck möchten wir mit anderen antifaschistischen Initiativen und Akteur*innen über Theorie und Praxis kritischen Gedenkens diskutieren. Als Grundlage für eine gemeinsame Diskussion haben wir im Verlauf der letzten Monate ein Thesenpapier erarbeitet, das wir mit euren Themen, Erfahrungen und Perspektiven konfrontieren wollen. In der gemeinsamen Auseinandersetzung können wir dann zum Beispiel über Probleme und Herausforderungen in Theorie und Praxis kritischen Gedenkens und über Vernetzungsmöglichkeiten sprechen.

    Wir laden euch deshalb am 01.06.2019 nach Erlangen ein. Für Getränke und Verpflegung wird gesorgt sein und einige Schlafplätze können wir bei Bedarf ebenfalls organisieren. Wenn ihr kommen möchtet, meldet euch kurz bei uns unter kontakt@kritischesgedenken.de an. Alles weitere zum genauen Ablauf des Tages klären wir dann im persönlichen Kontakt, sofern möglich und gewünscht natürlich verschlüsselt. Im Anschluss an die Veranstaltung wird es einen Kneipenabend geben.

    Die Thesen zur Diskussion findet ihr hier auf der Homepage unter “Gedenken als Kritik”.

    Solidarische Grüße und hoffentlich bis dahin, initiative kritisches gedenken erlangen

  • Gedenkkundgebung für Shlomo Lewin und Frida Poeschke am 19.12.2018.

    Hier der Text des ausgegebenen Flugblatts.

    Wir gedenken hier dem Erlanger Rabbiner und Verleger Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke, die heute vor 38 Jahren, am 19. Dezember 1980 Opfer eines antisemitischen Attentats wurden. Gemeinsam engagierten sie sich im Sinne des christlich-jüdischen Dialogs. Begangen wurden die Morde von Uwe Behrendt, einem Neonazi aus dem Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann. Behrendt blieb aufgrund von mangelhafter Ermittlungsarbeit und fehlender Strafverfolgung nach der Tat ausreichend Zeit sich in den Libanon abzusetzen. Durch seinen mutmaßlichen Selbstmord konnte er sich der Strafverfolgung endgültig entziehen.

    Wie bereits für die Zeit nach 1945 gilt, ist auch nach 1980 der Antisemitismus in Deutschland nicht verschwunden. Es lassen sich deutliche Kontinuitäten erkennen. Nicht nur daran, dass Karl-Heinz Hoffmann, der den Mord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke in Auftrag gegeben haben soll auch heute aktiv bei Veranstaltungen in alten und neuen rechten Zusammenhängen in Erscheinung tritt. So zum Beispiel auch 2015 bei der rechtsintellektuellen Messe Zwischentag in der Burschenschaft Frankonia in Erlangen.

    Antisemitismus ist gesamtgesellschaftlich präsent. Studien wie die Leipziger Autoritarismusstudie oder Zahlen der Online Meldestelle für antisemitische Vorfälle RIAS verdeutlichen jedes Jahr aufs Neue, dass antisemitische Einstellungen, Äußerungen und Taten keineswegs verschwunden, sondern äußerst aktuell sind. Sie zeigen auch, dass Antisemitismus ein Massenphänomen ist, das eben nicht nur an den vermeintlichen Rändern der Gesellschaft existiert. Dass antisemitische Äußerungen und Taten dennoch häufig nicht dokumentiert werden liegt sicher auch daran, dass bis heute nur wenige systematische Versuche in diese Richtung unternommen wurden. Hinzu kommt, dass antisemitische Äußerungen und Taten oft gar nicht erst als solche erkannt und benannt werden. Es existiert also eine Diskrepanz zwischen dem vorherrschenden gesellschaftlichen Selbstbild, den Antisemitismus überwunden zu haben und den tatsächlichen Verhältnissen. Der aktuelle Vormarsch faschistischer Bewegungen in Deutschland und der ganzen Welt fördert zudem ein Klima, das antisemitische Äußerungen und Taten motiviert. Dies verhindert, Antisemitismus zu erkennen, zu verurteilen und zu bekämpfen.

    Die gesellschaftliche und institutionelle Blindheit für Antisemitismus ist zum einen auf ein falsches Verständnis von Antisemitismus zurückzuführen, welches es unmöglich macht, diesen in seinen zeitgenössischen Erscheinungsformen zu erkennen. Zum anderen liegt dieser Blindheit oft ein Wunsch und Glaube, nicht antisemitisch zu sein, zu Grunde. Gerade für Deutschland, das den industriellen Massenmord an 6 Millionen Jüdinnen und Juden organisierte und durchführte, war es nach dem Ende des Nationalsozialismus 1945 entscheidend, ein Selbstbild zu entwickeln, aus dem Antisemitismus ausgeschlossen war. Dadurch wurde es möglich, das Fortbestehen als Nation zu rechtfertigen und einen positiven Selbstbezug zu wahren. Dazu war es auch notwendig, offen antisemitische Äußerungen zu tabuisieren. Die Tabuisierung hatte jedoch nicht zur Folge, dass es in Deutschland nach 1945 keinen Antisemitismus mehr gab und auch nicht, dass es keinen offenen Antisemitismus mehr gab. Es bedeutete jedoch durchaus, dass Antisemitismus zunehmend stärker zu neuen, verkleideten Formen des Ausdrucks finden musste und in Folge kollektiv verharmlost und verschwiegen wurde.

    Wir wollen heute dem neonazistischen Attentat auf Shlomo Lewin und Frida Poeschke gedenken. Wir verbinden dieses Gedenken, um seinen mahnenden Charakter deutlich zu machen, mit der Analyse und Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse. Denn in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen ist Antisemitismus auch heute angelegt, lebt Antisemitismus fort und gedeiht. Nur wenn Antisemitismus als solcher erkannt und in seiner Dynamik verstanden wird, ist es möglich ihn überall wo er zu Tage tritt zu kritisieren, ihm entgegen zu treten und ihn zu bekämpfen. Nur wenn es gelingt, das Fortbestehen der Bedingungen der Ermordung Shlomo Lewins und Frida Poeschke im Hier und Jetzt aufzuzeigen und mit aktuellen antisemitischen Ereignissen und Erscheinungsformen in Verbindung zu bringen, kann das gefährliche Potential des Antisemitismus und seine Aktualität überhaupt erst eingeschätzt werden.

    Antisemitismus begreifen

    Obwohl Antisemitismus immer auch Vorurteil ist, ist der Begriff nicht auf diesen Aspekt beschränkt. Vielmehr bezeichnet er ein komplexes und dynamisches Phänomen, dem in modernen Gesellschaften und in der Psyche der Einzelnen eine bestimmte Funktion zukommt. Antisemitismus ist eine Reaktion auf die moderne Gesellschaft und das Leben in ihr. Er ist eine Reaktion auf Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens, welche sich dem Bewusstsein der Einzelnen entziehen. Als Denkform verspricht Antisemitismus, Lücken im Verständnis der eigenen sozialen Beziehungen zu schließen. Er verspricht Ängste und Unsicherheiten zu lindern. Er bietet dem Individuum eine ideologische Form der Welterklärung und dadurch auch eine Bewältigungsstrategie für das individuelle Leiden an der Gesellschaft. Antisemitismus vereinfacht abstrakte gesellschaftliche Verhältnisse und bietet eine Einteilung in Gut und Böse, unschuldig und schuldig, Angehörige und Ausgestoßene an.

    Im Bild des Juden und des vermeintlich Jüdischen finden Antisemit*innen eine Projektionsfläche, auf die negativ empfundene Aspekte der modernen Gesellschaft und die eigenen unterdrückten Wünsche und Bedürfnisse geworfen werden können. Durch psychische Projektionen und personelle Zuschreibungen werden Jüdinnen und Juden und alle die mit vermeintlich jüdischen Eigenschaften verbunden werden, zum andauernden gesellschaftlichen Sündenbock gemacht. Jüdinnen und Juden stehen im antisemitischen Weltbild stellvertretend für die gesellschaftliche Grundlage der eigenen Kränkungen und Überforderungen. Daraus leitet sich der hartnäckige Glaube an eine jüdische Weltverschwörung ab und genau darin liegt das tatsächliche Gefahrenpotential. Antisemitismus ist deshalb nicht nur Vorurteil. Es kann keinen Antisemitismus ohne die Tendenz zur Vernichtung geben. Denn wenn alles Schlechte, Unerwünschte und Verbotene erst einmal auf ein Ersatzobjekt projiziert und damit der vermeintlich Schuldige gefunden ist, so wird es auch möglich, ihn in dieser Funktion zu bestrafen, zu verfolgen und zu vernichten.

    Antisemitismus ist also immer gleichzeitig eine ideologische Welterklärung und eine Form der Abwehr. Zum einen eine Abwehr sozialer und persönlicher Ängste, zum anderen eine Möglichkeit der Abwehr kollektiver Schuld. In besonderem Maße gilt dies für Deutschland. Gerade in der Art und Weise der deutschen Aufarbeitung der Shoah, beziehungsweise schon in deren jahrzehntelangem Ausbleiben wird das kollektive Bedürfnis, sich seiner Schuld zu entledigen, überdeutlich. So hoffen die einen, endlich den viel geforderten Schlussstrich ziehen zu dürfen, um sich als demokratisches und offenes – also als geläutertes Deutschland darstellen zu können. Anderen ist an Offenheit und Demokratie nicht gelegen, jedoch umso mehr am Schlussstrich. Sie sprechen vom Schuldkult, den verdammten zwölf Jahren und von Auschwitz als Vogelschiss in der ansonsten glorreichen Geschichte des deutschen Volkes. Beide Positionen treffen sich immer wieder darin, dass sie ausschließen, selbst antisemitisch zu sein. Antisemitismus wird nur in vermeintlichen Rand- und Extrempositionen wie muslimischen Communities oder neonazistischen Zusammenhängen, nicht aber im eigenen Denken und Handeln entdeckt. Beide Positionen zeigen außerdem, dass es kein Zufall ist, dass im Kontext deutschen Gedenkens an die Shoah der Begriff Vergangenheitsbewältigung weitläufig Einzug halten konnte. Diese Vergangenheit kann und darf jedoch nicht bewältigt werden. Es gilt die Kontinuität des Antisemitismus in dieser Gesellschaft zu erkennen und deutlich zu machen, um eine Wiederholung der Vergangenheit zu verhindern.

    Gegenwärtige Erscheinungsformen von Antisemitismus

    Antisemitismus ist attraktiv, wirksam und stabil, weil er einen Gewinn für die Psyche der Einzelnen verspricht. Legt man strengere Maßstäbe an den Begriff des Antisemitismus an, so wird deutlich, dass dieser in Deutschland nach 1945 keineswegs verschwunden ist. Ganz im Gegenteil kann er nur auf diese Weise erkannt und kritisiert werden, wo immer er zu Tage tritt.

    Unter anderem durch eine Tabuisierung der öffentlichen Äußerung von offen judenfeindlichen Einstellungen in Deutschland nach 1945 mussten neue antisemitische Ausdrucksformen entstehen. Damit wurde verhindert, den psychischen Gewinn und die gemeinschaftsbildende Funktion, die ein antisemitisches Weltbild mit sich bringt, aufgeben zu müssen.

    Nach der Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus durch die Alliierten bildete sich in Deutschland deshalb eine verkleidete Form der Äußerung antisemitischer Ressentiments heraus, die wir heute als “sekundären Antisemitismus” bezeichnen. Sekundärer Antisemitismus kann auch als Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz umschrieben werden. Er äußert sich vor allem in Geschichtsrevisionismus wie der Leugnung oder Relativierung der Shoah, oder indem in einer Täter-Opfer Umkehr mindestens ein Teil der Schuld an der Shoah den Jüdinnen und Juden selbst zugeschrieben wird. Sie hätten angeblich zu ihrer Vernichtung beigetragen, beziehungsweise diese beinahe schon herausgefordert. Zudem ist er charakterisiert durch eine Verweigerung der Erinnerung an die Opfer der Shoah und die paranoide Vorstellung, dass diese die Vergangenheit zu ihrem Vorteil nutzen würden, um sich zu rächen. Der Psychoanalytiker Zvi Rix fasste den irrationalen und paradoxen Charakter dieser Positionen mit dem Satz zusammen, dass „die Deutschen den Juden den Holocaust nie verzeihen werden“.

    Die antisemitische Denkform und die entsprechenden Stereotypen finden sich allerdings noch an vielen anderen Stellen des öffentlichen Diskurses. Auch, wenn gar nicht mehr offen von den Juden gesprochen wird. Eine dieser Erscheinungsformen des Antisemitismus heute stellt der israelbezogene Antisemitismus dar. Von diesem spricht man, wenn im Rahmen einer vermeintlichen Kritik des Staates Israel, dieser an doppelten Standards gemessen, dämonisiert, oder ihm sein Existenzrecht überhaupt abgesprochen wird. Die Gründung Israels war unter anderem eine Reaktion auf die globale antisemitische Verfolgung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden bis 1945, weshalb Israel als nationalstaatlich verfasster Schutzraum für Jüdinnen und Juden aus aller Welt gegenüber anderen Nationalstaaten eine besondere Legitimität zukommt. Stattdessen ist gerade eine internationale Fixierung auf Israel auszumachen, für die sich in der deutschen Sprache der Begriff der Israelkritik herausgebildet hat. So wie der Antisemitismus Juden und Jüdinnen ihre Stellung als Individuen in der Gesellschaft absprechen will und nach ihrer Vernichtung strebt, so will der israelbezogene Antisemitismus Israel delegitimieren, aus der internationalen Staatengemeinschaft ausschließen, auflösen und in letzter Konsequenz auch vernichten. Israel wird so zum Juden unter den Staaten umgedeutet und kann in dieser Funktion zum Ziel antisemitischer Ressentiments und Angriffe werden. Durch die Verkleidung des Antisemitismus als Kritik, wird versucht diesem Legitimität zu verleihen.

    Obwohl eine umfassende Kritik des Antisemitismus nicht um eine Kritik des Kapitalismus herumkommt, tauchen gerade auch im Kontext der Kapitalismuskritik antisemitische Denkstrukturen und Versatzstücke auf. Statt den Kapitalismus als Herrschaftsverhältnis zu kritisieren, von dem alle, wenn auch unterschiedlich, erfasst sind, wird die gesamte Schuld an der Misere auf einzelne Akteur*innen eingegrenzt. Damit soll ein eindeutiges und widerspruchsfreies Weltbild gezeichnet und politisch mobilisiert werden.

    Die vereinfachende und moralisierende Aufspaltung in gute Eigengruppe und böse Fremdgruppe kann unterschiedlichste Formen annehmen. Das antisemitische Denken braucht nicht zwingend Jüdinnen und Juden. Beispielsweise teilt die Gegenüberstellung von den guten Arbeiter_innen und den bösen Bänker_innen, dem guten Volk und der bösen Globalistenelite, dem schaffenden und dem raffenden Kapital alles Gute der Eigengruppe und alles Schlechte der Fremdgruppe zu. Ein solches Verständnis von gesellschaftlichen Verhältnissen ist gefährlich vereinfacht. Individuen werden einzig auf ihre gesellschaftliche Rolle reduziert. So glauben Antisemit_innen mitsamt den Sündenböcken alle schlechten gesellschaftlichen Zustände mitauslöschen zu können. Wirklich getroffen werden, können die schlechten Verhältnisse nur von einer Kritik der Gesellschaft.

    Gedenken als Kritik

    Neben der Analyse und Kritik des Antisemitismus in all seinen Formen, offen wie verkleidet, darf auch eine Kritik städtischer und staatlicher Erinnerungspolitiken nicht ausbleiben. Kollektive, wie beispielsweise Nationen, aber wie auch wir als politische Gruppe erinnern niemals grundlos, sondern verbinden stets einen Zweck mit öffentlichem Gedenken. Gedenken wird, im Gegensatz zu persönlicher Trauer immer instrumentell sein. Es ist also entscheidend, darauf zu reflektieren, welcher Zweck mit dem Gedenken verfolgt wird.

    In ihrer Funktion als Repräsentant_innen eines Kollektivs müssen sich Vertreter_innen staatlicher Institutionen immer um die Herstellung und Aufrechterhaltung einer positiven Erzählung über sich selbst und das Kollektiv bemühen. Wenn Gedenken in den Dienst der kollektiven Selbstbestätigung genommen wird, indem sich von einer antisemitischen Vergangenheit abgegrenzt wird oder Antisemitismus auf neonazistische Randgruppen verlagert wird, so dient es weniger der Verhinderung einer Wiederholung antisemitischer Gewalt. Vielmehr verwischt eine solche Praxis die Spuren der Vergangenheit, indem sie das antisemitische Potential in der Mehrheitsgesellschaft heute verschleiert und verharmlost. Wie folgenreich diese Dynamik sein kann, zeigt sich auch an der mangelhaften Aufklärung des Attentats auf Shlomo Lewin und Frida Poeschke durch staatliche Organe.

    Wenn wir also heute Shlomo Lewin und Frida Poeschke gedenken und an ihre antisemitisch motivierte Ermordung erinnern, so muss dieses Gedenken stets eine kritische Selbstverunsicherung sein, um wirksam und dem Anlass gerecht werden zu können. Wir müssen Antisemitismus verstehen, um ihn erkennen, benennen und bekämpfen zu können wo auch immer er in Erscheinung tritt, um eine Wiederholung des Geschehenen zu verhindern. Dies ist der einzige legitime Zweck des öffentlichen Gedenkens.

    In Gedenken an Shlomo Lewin und Frida Poeschke.

    Gegen jeden Antisemitismus.

  • Am 4.11.2018 konnten wir im Rahmen der Demonstration “Wer schweigt, stimmt zu – Den rassistischen Konsens Duchbrechen” in Leipzig mit einem Redebeitrag unser Projekt vorstellen.

    Hier dokumentieren wir die Rede.

    “Wir grüßen alle TeilnehmerInnen der Demonstration und erklären uns solidarisch mit ihrem Anliegen
    Ein Teil unserer politischen Aktivitäten umfasst die Gedenkarbeit zu dem antisemitischen Attentat an Shlomo Lewin und Frida Poeschke in Erlangen im Jahr 1980. Wir möchten mit diesem Redebeitrag zum einen wieder überregional auf den antisemitischen Doppelmord aufmerksam machen und zum anderen erste Ergebnisse unserer theoretischen Beschäftigung mit solidarischem, kritischem Gedenken vorstellen. Ein zentraler Aspekt unserer Konzeption von Gedenken besteht in der Reflexivität der eigenen Praxis. Wir haben deshalb ein Thesenpapier ausgearbeitet, das wir euch und damit der gemeinsamen Diskussion zugänglich machen möchten. Die Frage, wieso wir als Gruppe, die zu einem antisemitischen Attentat arbeitet, nun auf einer Demo zu rassistischer Gewalt sprechen, ist schnell beantwortet. Rassismus, der im Fokus dieser Demo steht, und Antisemitismus müssen nicht nur theorethisch so zusammengedacht werden, wie sie real im Verhältnis stehen. Bereits die gewaltsam erzwungene Eigenschaft der Betroffenen, Opfer von nazistischen Angriffen geworden zu sein, erfordert eine gemeinsame übergreifende Thematisierung ihrer Tode. Wir müssen solidarisch gedenken und gemeinsam mit anderen Akteur_innen solidarisch eine kritische Gedenkpraxis organisieren.

    Nun einige Worte zum Antisemitischen Attentat in Erlangen im Jahr 1980.

    Shlomo Lewin, Rabbiner und Verleger und Frida Poeschke, seine Lebensgefährtin, engagierten sich beide im Sinne des christlich-jüdischen Dialogs. Lewin hatte zudem die Gründung einer jüdischen Kultusgemeinde geplant und wollte damit einen zentralen Beitrag zur erneuten Etablierung öffentlichen jüdischen Lebens in Erlangen nach dem zweiten Weltkrieg und der Shoah leisten. Am 19. Dezember 1980 werden Lewin und Poeschke abends in ihrem Haus mit mehreren Pistolenschüssen getötet. Damit wurde vorerst auch die geplante Gründung der jüdischen Gemeinde verhindert. Unmittelbar nach der Tat wurde wesentlich im Umfeld der Opfer ermittelt. Im weiteren Verlauf der Ermittlungen stießen die Behörden auf den späteren Tatverdächtigen Uwe Behrendt. Zunächst wurde von behördlicher Seite davon ausgegangen, dass Behrendt allein handelte. Vieles spricht jedoch damals wie heute dafür, dass es weitere Unterstützer_innen bei der Tat gegeben haben muss. Sicher ist, dass Behrendt führendes Mitglied in der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ war, einer neonazistischen Terrororganisation, aus deren Reihen auch der Oktoberfestattentäter Gundolf Köhler stammte. Behrendt konnte der behördlichen Verfolgung durch eine Flucht in den Libanon entgehen, wo er später Selbstmord begangen haben soll. Die Anklage im Mordfall gegen den Gründer und Anführer der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ Karl-Heinz Hoffmann und seine Lebensgefährtin Franziska Birkmann, deren Brille am Tatort gefunden wurde, wurde trotz vorhandener Indizien fallen gelassen. Bis heute wird von staatlicher Seite die These aufrecht erhalten, dass Behrendt allein gehandelt hat.

    Ende 2016 fassten wir als Gruppe den Entschluss unsere Gedenkarbeit zu dem antisemitischen Doppelmord in Erlangen, die sich bisher auf eine jährliche Gedenkveranstaltung in der Erlanger Innenstadt beschränkt hatte, in ein langfristiges Dokumentations- und Bildungsprojekt münden zu lassen. Spätestens als klar wurde, dass wir uns eingehender mit Gedenkpolitik auseinandersetzen wollen, standen wir vor der Notwendigkeit einer Selbstverständigung darüber, was für uns Gedenken bedeuten kann und soll. Erste Ergebnisse unseres Reflexionsprozesses wollen wir euch hier vorstellen.
    Ein Ausgangspunkt für unsere Auseinandersetzung war das Unbehagen an dem Gedanken, wir könnten die Ermordung Lewins und Poeschkes durch die Form der politischen Kundgebung instrumentalisieren. Was wir dagegen erreichen wollten, war ein kritisches Gedenken zu praktizieren. Die Unterscheidung des Gedenkens von der Trauer brachte uns einem Verständnis davon, wie kritisches Gedenken aussehen könnte einen entscheidenden Schritt näher. Während Trauer die individuelle, psychische Verarbeitung eines Verlustes bezeichnet, meint der Begriff des Gedenkens eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Verlust von Menschenleben, in deren Rahmen diesem Tod politische, historische und gesellschaftliche Bedeutung zugewiesen wird. Der Zweck von Gedenken liegt immer außerhalb der Personen, denen gedacht wird. Deshalb ist Gedenken immer Instrumentalisierung und im Gegensatz zu Trauer auf Legitimation angewiesen. Die Instrumentalisierung selbst kann deshalb nicht Ansatzpunkt der Kritik sein, sondern nur der konkret visierte Zweck des Gedenkens. Er kann illegitim oder legitim sein.
    Was aber ist legitimes Gedenken? Unserer Auffassung nach, ist der einzige legitime Zweck, den öffentliches Gedenken verfolgen kann der, dass es sich selbst zukünftig überflüssig macht. Das bedeutet, dass sein Zweck sein muss, zu mahnen und zu verhindern, dass ähnliches noch einmal geschieht. Dazu gehört, den Tod der Personen, denen gedacht wird, als sinnlosen und vermeidbaren Tod – als Ungeheuerlichkeit – auszuweisen und die Bedingungen ihres Todes zu benennen. Es gilt also, herauszuarbeiten welche gesellschaftlichen Verhältnisse und Bedingungen eine solche Tat ermöglicht und nicht verhindert haben und diese Verhältnisse zu kritisieren. Gerade in den herrschenden Formen des Gedenkens zeichnet sich der Charakter dieser gesellschaftlichen Verhältnisse ab. Illegitimes, falsches Gedenken ist daran auszumachen, dass es die Bedingungen und Verhältnisse, die die Tat ermöglicht haben gerade nicht thematisiert oder aber so thematisiert, dass die Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbildes nicht in Frage gestellt wird. Dieses positive Selbstbild ist zum Beispiel die nationale Erzählung von den wieder gut gewordenen Deutschen, die den Zivilisationsbruch Auschwitz weltmeisterlich aufgearbeitet und damit endlich überwunden haben. Es ist zum Beispiel auch die Vorstellung, Rassismus existiere lediglich als individuelle Entscheidung und nicht als strukturelles Problem. Diese Selbstvergewisserungen und moralischen Absicherungen tragen zu nichts anderem bei, als der Verschleierung und so der Reproduktion der gewaltförmigen Verhältnisse.
    Kritisches Gedenken muss also immer auch Kritik des Gedenkens sein. Dabei scheint uns entscheidend, die eigene Praxis des Gedenkens nie von dieser Kritik auszunehmen. Kritisches Gedenken muss sich schon der Form nach gegen das falsche, illegitime Gedenken richten. Es kann nur als Selbstverunsicherung gedacht werden. Damit steht es in fundamentaler Opposition zu kollektiver Selbstvergewisserung auf jeglicher Ebene.

    Diese Konzeption möchten wir in zweierlei Hinsicht auf unsere eigene Gedenkpraxis anwenden. Erstens wollen wir in Form einer relativ niedrigschwellig zugänglichen Broschüre, eines Internetauftritts und von Ausstellungen das Attentat und seine Bedeutung aus verschiedensten Perspektiven beleuchten.
    Dazu gehört die Analyse und Kritik der historischen und aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus, sowie rechter Strukturen, also den konkreten TäterInnen und UnterstützerInnen. Darüber hinaus die Auseinandersetzung mit staatlichen Strukturen, deren Verstrickungen in die Tat und ihrer Rolle im Nachgang, sowohl was die Interpretation, als auch was die Aufklärung der Tat betrifft und mit offiziellem Gedenken, das der nationalen Selbstbestätigung verpflichtet ist. Dementgegen möchten wir eine kritische Deutung der Tat und ihrer Bedingungen setzen.
    Zweitens möchten wir unsere Überlegungen im Sinne der Selbstverunsicherung zur Diskussion stellen und mit möglichst vielen anderen Initiativen kritischen Gedenkens solidarisch diskutieren. Auf dem Flyer mit unseren Thesen findet ihr eine Kontaktmöglichkeit, um mit uns in den Austausch zu treten.

    Wenn es uns allerdings ernst ist mit dem reflexiven Gedenken, und somit dem Ansatz, dass es sich selbst überflüssig machen soll, darf sich politische Arbeit nicht auf diese Praxis allein beschränken. Sonst besteht die Gefahr, dass dieser bereits in einem moralischen Spannungsfeld stehende Akt zu einem Ritual in einer gewalttätigen Realität verkommt. Wir sollten auch die Anschläge und Morde der letzten Zeit, die eine rassistische Tatmotivation nahe legen, betrachten und zum Gegenstand des Mahnens und Gedenkens machen. Gleichzeitig können wir nicht beim Mahnen und Gedenken stehen bleiben, denn das alleine wird Neonazis und andere Rassist_innen und Antisemit_innen nicht vom Morden abhalten. Mit der Vervielfachung von Gewalttaten in den letzten Jahren müssen wir auch konkret den deutschen Täterinnen entgegentreten, uns solidarisch mit den potentiell Betroffenen zeigen und der Verharmlosung und Relativierung solcher Taten durch Parteien, Medien und Polizei entgegenstellen. Der Rückhalt den die Täter erfahren, muss gebrochen werden. Letzten Endes bedeutet all dies den Ideologien und realen Gebilden dieser gewaltvollen Gesellschaft eine Absage zu erteilen. Nur ein menschenwürdiger Zustand kann die Notwendigkeit des Gedenkens aufheben.

    Kein Vergeben, kein Vergessen – nie wieder Deutschland!”