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Kontinuität – Vergessen – Gedenken. Rechter Terror in Deutschland seit 1980

Podiumsdiskussion mit Seda Ardal, Ibrahim Arslan, Martina Renner und Max Czollek

2. Dezember 2020, 19 Uhr im Livestream:

Link zum Video: https://youtu.be/5zVdT63GXTA

Über die Veranstaltung
Im Dezember 1980 wurden in Erlangen Shlomo Lewin und Frida Poeschke Opfer eines antisemitischen Mordanschlags. Der Täter Uwe Behrendt war Mitglied der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann, die unweit von Erlangen ihr Hauptquartier hatte. Ein antisemitisches Tatmotiv wurde von den Ermittlungsbehörden lange Zeit nicht in Betracht gezogen. In der Stadtgesellschaft hat die Tat nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhalten und ist über viele Jahre in Vergessenheit geraten. Das Podium wird an diesem Abend anlässlich des 40. Jahrestages der Ermordung von Shlomo Lewin und Frieda Poeschke über die Kontinuitäten rechten Terrors in Deutschland und die lange Geschichte des Vergessens der Tat in Erlangen und anderenorts sprechen. Welche Bedeutung hat das Gedenken an diese Taten? Welcher Zusammenhang kann zwischen rechten Gewalttaten der Vergangenheit und aktuellen Ereignisse, wie beispielsweise in Halle und Hanau gezogen werden? Ibrahim Arslan hat den rassistischen Brandanschlag in Mölln 1992 überlebt bei dem drei Angehörige seiner Familie ums Leben kamen. Seit 2007 kämpft er für die Sichtbarkeit von Betroffenen rechter Gewalt und deren Perspektive in Politik und Öffentlichkeit. Martina Renner, Bundestagsabgeordnete für Die Linke. Sie ist Sprecherin der Bundestagsfraktion für antifaschistische Politik und Expertin auf dem Gebiet rechten Terrors. Max Czollek, Lyriker und Autor. Als Mitherausgeber der Zeitschrift Jalta macht er zeitgenössische jüdische Positionen sichtbar. Außerdem befasst er sich mit der Rolle von Jüdinnen und Juden in der deutschen Erinnerungskultur und streitet für eine plurale Gesellschaft. Seda Ardal ist Autorin und Aktivistin in der “Initiative 19. Februar Hanau”, die für Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen in Bezug auf den rassistischen Terroranschlag in Hanau und gegen die allgegenwärtige rassistische Gefahr kämpfen.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit Bildung Evangelisch in Europa und wird finanziell gefördert vom Bundesprogramm Demokratie leben!

Sie findet im Rahmen der Reihe “Damals! Und heute? Rechte Kontinuitäten in Erlangen” (PDF) statt.


Kundgebung und Demonstration zum 40. Jahrestag des antisemitischen Attentats auf Shlomo Lewin und Frida Poeschke

19.12.2020, 17:30 Uhr
Lewin-Poeschke-Anlage Erlangen

Am 19. Dezember 1980 wurden Shlomo Lewin und Frida Poeschke in ihrem Wohnhaus in Erlangen ermordet. Ein Mitglied der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann tötete sie aus antisemitischen Motiven. 

Shlomo Lewin (1911) entkam der nationalsozialistischen Verfolgung, kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg für die Hagana und lebte nach der Staatsgründung in Israel. Nachdem er 1960 nach Deutschland zurückgekehrt war, war er als Rabbiner und Verleger von Judaica tätig und Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, sowie der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Frida Poeschke (1928), deren Lebensgefährte Shlomo Lewin in dieser Zeit wurde, engagierte sich gemeinsam mit ihm für christlich-jüdische Verständigung. Immer wieder warnte Shlomo Lewin öffentlich vor der Gefahr, die von Neonazis ausgeht und rief dazu auf, sie zu bekämpfen. Doch diese Warnungen wurden wie viele andere nicht gehört oder nicht ernst genommen. Vielmehr wurde die Wehrsportgruppe Hoffmann von der CSU-Regierung über Jahre hinweg verharmlost und geduldet.

Nach dem Mord an Frida Poeschke und Shlomo Lewin verdächtigten die Ermittlungsbehörden vor allem das persönliche Umfeld der Opfer und ermittelten erst spät ernsthaft in Richtung rechter Strukturen, wie der unweit von Erlangen in Ermreuth ansässigen Wehrsportgruppe Hoffmann. In der Medienberichterstattung wurden die Opfer durch haltlose Gerüchte und eine anklingende Täter-Opfer Umkehr diffamiert und fremd gemacht. Im Gegensatz zu den jüdischen Gemeinden, in denen Entsetzen über die Tat herrschte, gab es in der Mehrheitsgesellschaft keinen Aufschrei und keine Solidarisierung mit den Opfern. Juristisch wurde niemand für die Tat belangt. Der Mörder, der bis heute als Einzeltäter gilt, soll Suizid begangen haben und alle Angeklagten im Strafprozess wurden vom Vorwurf der Beihilfe freigesprochen. Weil kein Gedenken etabliert wurde, aber vor allem, weil keine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit rechtem Terror stattfand gerieten das Attentat, die Opfer und der politische Hintergrund mehr und mehr in Vergessenheit.

Wie auch im Fall anderer rechtsterroristischer Morde im Jahr 1980 – das Oktoberfestattentat in München und der rassistische Brandanschlag in Hamburg, bei dem Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân getötet wurden – erinnert bei dem antisemitischen Attentat auf Shlomo Lewin und Frida Poeschke vieles an den rechten Terror der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart. So wie die Anfänge und Ursprünge des rechten Terrors in Deutschland weit vor 1980 liegen, ist auch seine Kontinuität bis heute nicht gebrochen.  

Dieses Jahr, am 19. Dezember 2020, jährt sich das antisemitische Attentat zum 40. Mal. Zu diesem Anlass findet um 17.30 Uhr eine antifaschistische Gedenkkundgebung an der Lewin-Poeschke-Anlage in Erlangen mit anschließender Demonstration statt. Gemeinsam wollen wir Shlomo Lewin, Frida Poeschke und allen Opfern rechter Gewalt gedenken. Wir wollen daran erinnern, dass es sich bei den unzähligen rechten Morden nicht um Einzelfälle handelt, sondern dass sie Teil einer langen Geschichte rechten Terrors und das Resultat einer rassistischen, antisemitischen Normalität sind.

Nur wenn wir der Entpolitisierung rechter Morde entgegentreten und die Zusammenhänge erkennen und benennen, haben wir dem Fortwirken der Vergangenheit in der Gegenwart etwas entgegenzusetzen. 

Gegen das Vergessen und die Kontinuität des rechten Terrors! 

Für die Gesellschaft der Vielen!


Veranstaltung aus der Reihe “Damals! Und heute? Rechte Kontinuitäten in Erlangen” (PDF)


+++ BEITRÄGE, INTERVIEWS UND VIDEOS +++

Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt
Buchvorstellung und Gespräch mit Ronen Steinke
25. Oktober 2020 um 16 Uhr im E-Werk Erlangen

Zur Videoaufzeichnung der Veranstaltung mit Ronen Steinke bei YouTube


Redebeitrag auf der Kundgebung “Gegen jeden Antisemitismus!” am 9. Oktober 2020 in Erlangen (Mitschnitt Radio Bambule / Radio Z)


Gedenken als Kritik – Interview mit Radio Corax im Oktober 2020


#Halleprozess: Wie kann kritisches Gedenken aussehen? Interview mit Radio Corax im Juli 2020


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